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für Coaches

Fragen als zentrales Element für die Praxis

Welche Bedeutung haben Fragen für die Praxis?

Fragen sind ein zentrales Instrument um Veränderungen und Entwicklung für Klient*innen im Coaching anzustoßen und sind deshalb ein wichtiges Handwerkszeug
für Coaches. Fragen erfüllen eine Vielzahl an Funktionen im Coaching:

  • Fragen leiten bei den Klient*innen Vorstellungsprozesse ein.
  • Fragen regen zur Selbstreflexion bei den Klient*innen an.
  • Fragen helfen dabei Wissensdefizite aufzeigen und Wissensbedürfnisse zu thematisieren.
  • Fragen ermöglichen für Klient*innen einen Wechsel von Wahrnehmungsperspektiven.
  • Mithilfe von Fragen können Interessen für Ursachen, Funktionen, Zusammenhänge etc. artikuliert werden.
  • Mithilfe von Fragen können Bezüge zur Vergangenheit, aber vor allem auch zur Zukunft hergestellt werden.

Im gemeinsamen Zug-um-Zug-Konstruieren des Coaching-Gesprächs tragen Fragen maßgeblich zur Veränderung bei: Dadurch, dass Fragen eine Antwort der Gesprächs-partner*innen „verlangen“, Vorstellungs- und Selbstreflexionsprozesse auslösen, eine Suchprozess nach Ursachen, Zusammenhängen und Lösungen initiieren können und eine thematische Richtung vorgeben, sind sie zentral für die Ko-Konstruktion von neuem Wissen und somit für die Wirksamkeit des Coaching-Gesprächs. Darüber hinaus erlauben es Fragen den Coaches die zugrundeliegende Coaching-Agenda, d.h. die gemeinsam erarbeiteten professionellen Ziele, durch Steuerung des Gesprächsverlaufs zu verfolgen und zu erreichen.

Obwohl Fragen grundsätzlich eine zentrale Intervention in helfenden Gesprächen darstellen, unterscheiden sich Fragetypen, Verwendung und Funktionen von Fragen im Coaching von anderen helfenden Formaten wie z.B. Psychotherapie oder Arzt-Patienten-Kommunikation.

Fragen wird in der Coaching-Praxisliteratur und in diversen Ausbildungsmanualen ein hoher Stellenwert zugeschrieben. Möglichst viele Fragen zu stellen und dabei eine möglichst große Bandbreite von Fragetypen (Wunderfrage, Skalierungsfragen, systemische Fragen, hypothetische Fragen, paradoxe Fragen etc.) abzudecken, gilt oftmals als Qualitätskriterium für gutes Coaching. Bei dieser Einschätzung handelt es sich allerdings häufig um eine idealisierte Darstellung basierend auf persönlicher Einschätzung und Erfahrungen, nicht aber um empirisch belegte Ergebnisse. So haben Untersuchungen etwa gezeigt, dass auch auf geschlossene Fragen längere Äußerungen der Klient*innen folgen können, obwohl vom Stellen geschlossener Fragen in der Praxisliteratur dezidiert abgeraten wird. Die Praxis- und Ausbildungsliteratur wirft außerdem keinen dialogischen Blick auf Fragen im Coaching, sondern fokussiert ausschließlich das Stellen von Fragen durch den*die Coach. Dabei werden die Reaktionen der Klient*innen, aber auch die Folgereaktionen von Coaches auf die Antworten ihrer Klient*innen (meist) vollkommen außer Acht gelassen. Frage – Antwort – Folgereaktion (d.h. Fragesequenzen) hängen aber eng miteinander zusammen und beeinflussen den Verlauf eines Gesprächs und somit die angestrebte Veränderung maßgeblich.

Fragen und Fragesequenzen in der Wissenschaft

Warum ist es sinnvoll Fragen zu erforschen?

Obwohl Coaching signifikant an Bedeutung gewinnt, ist seine wissenschaftliche Fundierung immer noch unbefriedigend, vor allem was den Coaching-Prozess selbst angeht. Die Erforschung von Fragen und Fragesequenzen als zentrales Instrument in Coaching-Gesprächen stellt dabei eine wichtige Forschungslücke dar. Es liegen kaum empirische Ergebnisse zu Fragen vor und es gibt keine Forschung zu Fragesequenzen im Coaching. Somit ergibt sich eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Bedeutung von Fragen in Praxisliteratur und Lehrbüchern und der fehlenden wissenschaftlichen Beforschung von Fragepraktiken.

Anhand empirischer Analysen können die Zentralität und die tatsächliche Bedeutung sowie das reale Auftreten von Fragen wissenschaftlich untersucht und belegt werden. Vor allem kann untersucht werden, wann gerade welche Frage zum Erfolg im Coaching-Gespräch bzw. zur Veränderung in Klient*innen führt; wie oft Fragen tatsächlich vorkommen, in welcher Phase des Prozesses sie gestellt werden und wie sie sich auf die Interaktion (positiv) auswirken. Hier setzt das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Fragesequenzen im Coaching“ an. Mithilfe dieses Projektes werden Fragesequenzen (Frage Coach*in – Antwort Klient*in – Folgereaktion Coach*in) im Hinblick auf ihre zentrale Rolle im Coaching und ihren Beitrag zu Veränderung entlang erfolgreicher Coaching-Prozesse sprachwissenschaftlich und psychologisch analysiert. Dies geschieht in Zusammenarbeit von Prof. Dr. Eva-Maria Graf (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Linguistik), Prof. Dr. Thomas Spranz-Fogasy (Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Mannheim, Linguistik) und Prof. Hansjörg Künzli (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Psychologie) und ihren Teams. Als erstes Forschungsprojekt zum Thema Coaching in dieser Größenordnung wird „Fragesequenzen im Coaching“ von den drei nationalen Forschungsförderungsanstalten FWF (Wissenschaftsfonds Österreich), DFG (Deutsche Forschungsgesellschaft) und dem SNF (Schweizer Nationalfonds) gefördert.

Grundlegend sollen mithilfe des Projekts die Professionalisierung und Weiterentwicklung von Coaching-Praxis und Coaching-Forschung befördert werden. Ziel ist es herauszufinden:

  • Wie häufig kommen die verschiedenen Fragetypen vor?
  • Wie ist der Zusammenhang zwischen ihrer Häufigkeit und ihrer Wirksamkeit?
  • Wie sind die Fragen in das Coaching-Gespräch eingebunden? An welcher Stelle / In welcher Phase werden sie gestellt?
  • Was sind ihre coachingspezifischen Funktionen?
  • Welchen Beitrag leisten Fragen zur Veränderung für Klient*innen?
  • Entspricht das Verhältnis der Fragetypen der Bedeutung in der Praxisliteratur?

Gearbeitet wird mit authentischen Coachingdaten, d.h. mit Audio- und Videoaufzeichnungen sowie Transkriptionen von (face-to-face und/oder online) Coaching-Prozessen, die nicht eigens (und somit künstlich) für die Forschung produziert werden. Ziel ist es, ein möglichst breites Spektrum an Coaching-Prozessen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz miteinzubeziehen und damit den gesamten deutschsprachigen Coaching-Markt abzudecken. Außerdem wird mithilfe von Fragebögen die Zielerreichung für Klient*innen (jeweils am Beginn und am Ende des Coaching-Prozesses) erhoben. Die erhobenen Daten werden im Anschluss mithilfe linguistischer und psychologischer Methoden von den Mitarbeiter*innen des Forschungsprojekts untersucht. Alle Beteiligten sind dabei selbstverständlich an die Schweigepflicht gebunden. Die erhobenen Daten werden anonymisiert und mit Vertraulichkeit behandelt.

Die empirische Fundierung und Entwicklung einer coachingspezifischen Typologie von Fragesequenzen und deren Veränderungspotentiale, die auf der tatsächlichen Verwendung von Fragesequenzen in authentischen Gesprächen fußt, ist gerade auch für die Coaching-Praxis von zentraler Bedeutung für ihr professionelles Handeln.

Ihre Unterstützung ist gefragt!

Da die Videoaufnahmen von Coaching-Prozessen die zentrale Grundlage und den Untersuchungsgegenstand des Forschungsprojektes bilden, ist das Mitwirken von Coaches eine zentrale Voraussetzung für die Beantwortung der Forschungsfragen und das Erreichen unserer Ziele.