Über unser
Projekt

Informationen über unser Projekt

Fragen sind von zentraler Bedeutung in helfenden Berufen. Das internationale und interdisziplinäre Forschungsprojekt analysiert Fragepraktiken in systemisch-lösungsorientiertem berufsbezogenem Coaching. Coaching beruht auf der Interaktion von Coach und Klientin, es behandelt berufsbezogene Probleme und zielt dabei auf Veränderung bei Klientinnen. Theoretische Modelle aus dem Bereich der Psychologie beschreiben Veränderung qua spezifischer Entwicklungsphasen, die Klient*innen durchlaufen, diese Entwicklungsphasen sind jedoch nicht beobachtbar. Beobachtbar und linguistisch analysierbar ist aber die sequenziell organisierte Coaching-Interaktion, d.h. das Coaching-Gespräch, und ihre Entwicklung im Coachingprozess – hier garantieren sequenzielle Relationen zwischen turns die Entwicklung neuer Erfahrungen und die Genese neuen Wissens und damit die Veränderung über erfolgreiche Coachingprozesse hinweg.

Obwohl Coaching in der westlichen Welt signifikant an Bedeutung zunimmt, ist seine wissenschaftliche Fundierung immer noch mangelhaft, vor allem im Kontext der Coaching-Prozessforschung. Die Untersuchung von Fragesequenzen als wesentliche Interventionspraktik stellt dabei eine zentrale Forschungslücke dar: Im Unterschied zur Coaching-Praxisliteratur, wo Fragen von zentraler Bedeutung sind (allerdings in monologischer, dekontextualisierter Form anhand erfundener Beispiele und mit fest zugeschriebenen Funktionen und Verwendungshinweisen versehen dargestellt werden), gibt es bis dato kaum empirische Erkenntnisse über Fragen im Coaching.

Forschungsfragen und -ziele

In diesem Forschungsprojekt wird untersucht, welche Typen von Fragesequenzen – i.e. Fragen des Coaches, Antwort der Klient*innen und Folgereaktionen der Coaches – in Coachingprozessen auftreten. Was sind ihre coachingspezifischen Funktionen? Wie häufig kommen die verschiedenen Typen entlang der verschiedenen Phasen im Coaching vor und wie ist der Zusammenhang zwischen ihrer Häufigkeit und ihrer lokalen und globalen Wirksamkeit? Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer coachingspezifischen Typologie von Fragesequenzen und die Untersuchung ihrer lokalen und globalen Veränderungspotenziale. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der 3. Sequenzposition, also der Reaktion der Coaches auf die Antwort der Klient*innen, in Bezug auf den  systemisch-lösungsorientierten Coaching-Agenda sowie dem Verhältnis von 3. Position und globaler Wirksamkeit, definiert als Zielerreichung.

Daten, Methodik und Forschungsdesign

Die Daten der Untersuchung bilden authentische videografierte und linguistisch transkribierte systemisch-lösungsorientierte Coachingprozesse; die Datenakquise basiert auf einer engen Zusammenarbeit mit der Coaching-Praxis. Hierbei werden im gesamten deutschsprachigen Coaching-Raum authentische und komplette Coachingprozesse von professionellen Coaches, die im Kontext des systemisch-lösungsorientierten Ansatzes arbeiten, aufgezeichnet.

In einem mixed-methods Forschungsdesign werden qualitative linguistische (Konversationsanalyse, Gesprächsanalyse) und qualitative/quantitative psychologische Methoden (Qualitative Inhaltsanalyse, Deskriptive Statistik) kombiniert und in folgenden, teilweise parallel ablaufenden, Schritten ausgeführt:

Schritt 1

Entwicklung eines vorläufigen Kodierschemas bzgl. der formalen, funktionalen und Interaktionstyp-spezifischen Morphologie von Fragensequenzen im Coaching auf der Basis eines existierenden Korpus (Graf 2015, 2019) mit Hilfe der linguistischen Gesprächsanalyse und der Konversationsanalyse.

Schritt 2

Genese neuen Datenmaterials (Videoaufzeichnungen authentischer Coaching-Prozesse sowie Fragebogenerhebung zur Ermittlung der Zielerreichung der Klient*innen) in enger Zusammenarbeit mit der Coaching-Praxis.

Schritt 3

Mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2010) werden die neuen Coaching-Daten entlang der etablierten Veränderungsphasen, wie im TSPP-Modell dargelegt (Deplazes et al. 2018), vollständig kodiert.

Schritt 4

Die Coaching-Daten werden linguistisch mit Hilfe der Konventionen von cGAT (Schmidt, Schütte & Winterscheid 2016) transkribiert und mit Hilfe von FOLKER (Editor von Forschung- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch) am Leibniz Institut für Deutsche Sprache in Mannheim bearbeitet und gespeichert.

Schritt 5

Aufbauend auf dem ersten Kodierungsschema und anhand der transkribierten neuen Daten wird eine Coaching-spezifische Typologie von Fragesequenzen entwickelt; es werden dabei im neuen Korpus Fragesequenzen gesammelt, die Sammlung wird bereinigt und systematisiert bis Saturierung erreicht ist.

Schritt 6

Die Videos der Coaching-Daten werden mit Hilfe der in Schritt 6 entwickelten Typologie erneut kodiert.

Schritt 7

Das Korpus wird dann quantitativ mit Hilfe der Deskriptiven Statistik ausgewertet, um die Häufigkeit der Fragesequenzen in Bezug auf Phasen, Sitzungen und Prozesse zu ermitteln.

Schritt 8

Die Daten werden mit Hilfe der interaktionalen Linguistik analysiert (Deppermann 2008, Couper-Kuhlen & Selting 2017), wobei ein besonderes Augenmerk auf den Funktionen der Fragesequenzen beim Initiieren, Prozessieren und Finalisieren der Veränderungsphasen im Sinne des TSPP-Modells liegt. Dabei wird das sequenzielle, interaktionale und Coaching-spezifische (lokale und globale) Veränderungspotential von Fragesequenzen exploriert.

Schritt 9

Im Sinne der interdisziplinären Konzeptionalisierung des Projektes werden die Ergebnisse aus den Schritten 7 und 8 zusammengeführt und gemeinsam aus den linguistischen, psychologischen und Coaching-praktischen Perspektiven interpretiert. Dies erlaubt das Generieren präziserer Hypothesen bezüglich des Zusammenhangs der lokalen und globalen Wirksamkeit im Coaching.

Schritt 10

Während und am Ende des Projektes werden die Ergebnisse auf internationalen Konferenzen präsentiert und diskutiert sowie in verschiedenen Publikationsorganen veröffentlicht (siehe diesbzgl. Aktivitäten, Events und Veröffentlichungen auf unserer Website)

Innovation

Das Projekt dient der Förderung der Coaching-Prozessforschung. Es ergänzt das Verständnis von Fragen als zentraler Interventionspraktik in helfenden Professionen um das Format Coaching. Darüber hinaus werden durch den interdisziplinären Ansatz und das mixed-methods Forschungsdesign neue methodologische Grundlagen geschaffen. Die Datenerhebung in Österreich, Deutschland und der Schweiz erfasst dabei den gesamten deutschsprachigen Coaching-Markt.